HENRY: Hallo Leute, ich bin der Henry. Ich war auch mal ein Notschweinchen, aber ich hatte Riesenglück und bin ge­­­rettet worden.

CLARA: Hihihi Kicher-MUIG. Das klingt ja wie bei den Anonymen Alkoholikern. "Hallo, ich bin der Henry und ich bin ein Notschwein..."

HENRY: Sei du nur hübsch still, sonst leg' ich mich nachher stundenlang in deine Lieblings-Kuschelröhre!

CLARA: Pfffffth... Ich geh’ dann mal was essen.

HENRY: Ja, also das war Clara, eins meiner drei Mädels. Die lernt ihr auch noch alle kennen.

Aber wo war ich noch gleich? Ach ja, also, die netten Zweibeins von SOS haben mich gefragt, ob ich Lust habe, euch ein bisschen was aus meinem Leben zu er­zäh­­len. Klar, hab’ ich gesagt, wenn ihr meint, dass das die Leser interessiert. Und wenn mein Vormittags-Verdauungs-Schönheitsschlaf nicht darunter leidet. Und der am Nachmittag. Dazwischen ist OK. Und die SOS-ler meinten, ich sei der ide­a­le Kandidat, weil ich Erfahrung habe als Notschweinchen, als Einzel­schwein­chen, Paarschweinchen und Gruppenschweinchen und weil ich auch noch erfolgreich bin im Anlernen eines Meerschweinchenanfänger-Zweibeins.

KERSTIN-ZWEIBEIN: Hallo?!? Was erzählst du denn da?

HENRY: Äähmm, räusper. Also ich meine ja nur, es gibt viel zu erzählen. Alles ganz schön aufregend.

Aber heute ist das, was ich zu erzählen habe, gar nicht schön. Da geht es näm­lich um mein erstes Leben und wie ich zum Notschweinchen wurde. Da mag ich mich eigentlich gar nicht mehr dran erinnern, so schrecklich war das.

Ich war nämlich bei ganz verantwortungslosen und egoistischen Menschen. Die wollten einfach Meerschweinchen, weil die so süß sind, dabei hatten sie keine Ahnung von uns Meeris und unseren Bedürfnissen. Aber weil sie da halt gerade Lust drauf hatten, haben sie sich einfach zwei junge Schweinchen besorgt und schon saß ich mit meinem Kumpel in einem kleinen Kaufkäfig.

TOFFEE: Empört-MUIG!!!

HENRY: Aber wenigstens waren wir zu zweit. Es gab Heu und es gab Trockenfutter, weil das verkaufte der nächstgelegene Supermarkt. Aber dann fanden sie uns ganz schnell langweilig, weil wir so traurig ‘rumsaßen und die Zweibeins merkten, dass wir ganz oft kötteln und Pipi machen, weil wir ja dauernd essen müssen mit unseren Stopfmägen und das muss ja hinten auch wieder raus. Das fanden sie aber doof, weil der kleine Käfig dauernd sauber gemacht werden musste, sonst fing er fix an zu müffeln und das mochten sie nicht. Dabei hätten sie das vorher wissen können, wenn sie sich zuerst gründlich informiert hätten. Naja, jedenfalls hatten sie plötzlich gar keine Lust mehr auf Meerschweinchen und wollten uns wieder loswerden.

Wenn sie uns doch beim Tierheim abgegeben hätten, dann könnte mein lieber Kumpel noch leben. Aber vielleicht war ihnen das peinlich oder zu viel Mühe. Viele Zweibeins merken ja im Januar, dass sie ihre Tiere nicht mehr wollen. Das ist ein ganz gefährlicher Monat für Vierbeiner. Meine jetzige Zweibein-Mama Kerstin sagte, wir seien bestimmt zu Weihnachten geschenkt worden. Aber ich weiß nichts von einem Weihnachtsfest, jedenfalls haben wir Schweinchen kein Geschenk bekommen.

Ja, und jetzt kommt das ganz Schlimme. An einem Abend im Januar 2014 haben die Menschen uns aus unserem Käfig geholt und haben uns in den Wald gebracht. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie kalt es da war. Wir haben ganz schrecklich gefroren und hatten so Angst wie noch nie im Leben. Sie haben uns einfach auf den Boden gesetzt und überall hat was geraschelt und geknistert und wir waren total in Panik. Wir sind losgerannt wie verrückt. Das war das letzte Mal, dass ich meinen lieben Kumpel gesehen habe.

MÄDELS-CHOR: Entsetzt-MUIG!!!

HENRY: Als ich dann irgendwann wieder stehengeblieben bin, weil ich einfach nicht mehr konnte, hat mein Herz so gerast, dass ich dachte, es explodiert gleich. Und ich habe kaum noch Luft bekommen und bin nur noch in eine Kuhle neben einem Baumstamm gekrochen. Mein ganzer Rücken war zerschrappt von den Brombeerbüschen, die da wuchsen und unter denen ich durchgerannt bin. Es war alles ganz dunkel und ich hab ganz ganz still gehalten, damit keiner merkt, dass ich da bin. Ich hab genau gehört, dass überall Tiere unterwegs waren und ich wollte gar nicht wissen, was das für welche sind. Mein ganzer Körper war wie aus Eis und Hunger hatte ich auch, aber alles war gefroren und das einzige Grünzeug waren frostige Brombeerblätter und die hingen so hoch, dass ich nicht dran kam. Auf meiner Stirn stand der nackte Angstschweiß...

JANE: Henry, du kannst nicht schwitzen, du bist ein MEERSCHWEIN.

HENRY: Das ist dramaturgisch. Ein bisschen künstlerische Freiheit muss sein, damit die Leser auch genau verstehen, wie schrecklich das war. Jedenfalls hat es sich so ANGEFÜHLT.

CLARA: So so. Ich nehme an, der Angstschweiß ist dann auf deiner Stirn gefroren, weil es so kalt war.

HENRY: GENAU SO hat es sich ANGEFÜHLT!!!

Und gerade als ich dachte, jetzt kann es nicht mehr schlimmer werden, hörte ich was. Ganz nahe. Und dann ging es ganz schnell. Irgendwas ist auf mich ge­sprun­gen und ich hab versucht zu flüchten und dann tat plötzlich mein linkes Ohr ganz doll weh. Und ich hab' ganz laut geschrien und hab' mich unter mei­nem Angreifer rausgewriggelt und dann bin ich wieder gerannt und gerannt. Ich weiß nicht, was das für ein Tier war, aber es hat ein Stück aus meinem linken Ohr gebissen, da hab' ich jetzt so eine halbrunde Stelle, wo mein Ohrwaschel nicht mehr komplett ist und da sind am Rand lauter kleine weiße Haare nach­ge­wach­sen, obwohl das Ohr eigentlich schwarz ist.

TOFFEE: (Tröst-MUIG) Mach dir nichts draus, Henry, so was haben nur echte Helden und ich finde das total sexy (schmacht-MUIG...).

HENRY: Danke, Toffee (geschmeichelt-MUIG).

Irgendwann saß ich dann nur noch da. Ich konnte nicht mehr weiter. Ich war so erschöpft. Ich wußte nicht, wo ich bin oder wo ich hätte hingehen sollen. Mir tat alles weh und es war so kalt. Ich war so verzweifelt. Das war die längste Nacht meines Lebens. Allmählich fing ich an zu denken, dass ich wohl sterben muss da draußen in diesem Wald. Ganz allein. Ich habe ganz still in mich hinein geweint, aber keiner hat es gehört. Ich war doch noch ein ganz junges Böckchen damals und hatte sooo geträumt von einem schönen Leben. Und nun saß ich da so elend. Einfach weggeworfen zum Sterben.

Es dauerte sehr, sehr lange… Aber irgendwann kam der Morgen und es wurde wieder hell.

Und wie es dann weiter ging und ich gerettet wurde, das erzähle ich dann nächste Woche. Jetzt hab’ ich nämlich einen Riesenhunger und ein kleines Schläfchen könnte ich auch erst mal machen.

Du, Kerstin, krieg’ ich eine Gurkenscheibe? Meine Kehle ist ganz trocken vom vielen Erzählen.

KERSTIN-ZWEIBEIN: Klar, Henry.

MÄDELS-CHOR: Wir auch, wir auch?!

KERSTIN-ZWEIBEIN: Klar, meine Süßen.

HENRY: Also tschüss dann, mjamm schmatz, bis nächste Woche…

 

Der Erzähler: Henry

Seine Freundin Clara:

Jane und Toffee lauschen Henry's Erzählung:

 

..... Fortsetzung folgt nächste Woche Samstag....

 


 

 

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